27.09.1999

Sören

Jürgen hat in einem seiner früheren Berichte angemerkt, er habe das Gefühl, er müsse ständig irgend etwas besonderes erzählen, um diesen Reisebericht tatsächlich zu einem Reisebericht zu machen (und nicht, wie er mir gegenüber mündlich ergänzte, bloß zu einem Tagebuch). Würde ich das für meine Beiträge ernstnehmen, dann dürfte ich eigentlich gar nichts schreiben: Heute war für mich nämlich nichts weiter als ein entspannender Urlaubstag. Ich hätte ihn vielleicht nutzen können für Reflexionen über das Reisen generell - aber es gibt Stunden, da ist mir das Reflektieren die Mühe nicht wert. Angesichts des Meeres mit seiner geradezu meditativen Ausstrahlung sollte das Gehirn mal einfach die Klappe halten, Gott einen guten Mann und Fünfe gerade sein lassen.

Jürgen

Wir wollten ja auch heute einen ruhigen Tag am Strand einlegen, nach dem aktionsreichen Tag gestern in Lissabon. Aber - bevor unsere Leser jetzt meinen, wir würden gar nichts tun und sie quasi im Regen stehen lassen (heute hat hier übrigens die Sonne geschienen) - so ganz entspannend war der Tag für uns auch wieder nicht. Immerhin haben wir einige Stunden vor dem Computer zugebracht, um eine neue Rubrik einzurichten, eine Fotogalerie, in der wir die Bilder, die wir tagtäglich machen, noch einmal aufführen. Aus dem Grund ist auch der für heute vorgesehene Strandaufenthalt etwas kurz ausgefallen.

(Das ist jetzt übrigens der Strand der Lagune mit dem Blick aufs Cabo Espichel.)
Dennoch haben wir aber so ein bißchen über den gestrigen Tag in Lissabon reflektiert.

Sören

... um genau zu sein: über das, wie Lissabon auf uns wirkt. Wir waren gestern abend mit meiner Cousine Tina, die für vier Monate hier in der Stadt gelebt hat und heute nach Deutschland zurückgekehrt ist, im Pavillon Chinoise (oder so ähnlich), einer der orginellsten Bars, die ich je gesehen habe: Die Räume stellten eine einzige große Ausstellung dar - wo wir Platz nahmen, waren wir umgeben von hunderten von Zinnsoldaten in Vitrinen und Abbildungen von Heerführern, an der Decke hingen zahllose Modellflugzeuge. Jürgen trank einen irischen Whiskey, Tina einen exotischen Cocktail und ich ein obskures Mischgetränk aus Cola und Vanilleeis. Die Bar hatte eine dermaßen exotisch-gediegene Atmosphäre, wie man sie in Deutschland kaum finden kann, und als Jürgen und ich auf der Heimfahrt darüber sprachen, stellten wir fest, daß uns das Ambiente nicht nur dieser Bar, sondern ganz Lissabon ein wenig an Wien erinnere. Obwohl Lissabon (wie ich neulich schrieb) zunehmend amerikanisiert wird, strahlt es immer noch jene gewisse Ruhe aus, die sich wohl nur Großstädte leisten können, die ihre ganz große Zeit bereits hinter sich haben. Das haben Wien und Lissabon gemeinsam: sie sind urban und doch nicht so hektisch, von Nervosität zerfressen wie andere Metropolen. Es ist nicht Provinzialität, wie böse Geister sofort zu urteilen geneigt sind, sondern eher die Fähigkeit, anders urban sein zu können.
Und jetzt hat Jürgen es mit einem kleinen Satz doch geschafft, mich zum Reflektieren zu bringen... Zur Ablenkung noch einmal das Meer:

Jürgen

Mir - der ich überhaupt kein Großstadtmensch bin, ja eigentlich Großstädte nicht ausstehen kann - kommt dieses Tempo Lissabons sehr entgegen. Ohne sagen zu wollen, daß ich nach diesem kurzen Eindruck der Stadt diese schon wirklich kennengelernt habe, kann ich mir doch ein erstes Bild machen.
Der Pulsschlag Lissabons ist ein gemächlicher - was dieser Stadt von meiner Seite schon Sympathien einbringt. Ein weiteres Plus und eine weitere Verbindung zu Wien ist die ausgeprägte Kaffeehauskultur. Der angenehme Rhythmus Lissabons - ja ganz Portugals - zeigt sich auch in der Sprache. Portugisisch ist eine ruhige Sprache, die Hälfte der Silben wird verschluckt und sie hört sich etwas nuschelig an. Es ist die einzige leise südeuropäische Sprache, die ich kenne.

Sören

Und leise sagen wir in dieser Sprache: "Adeus". Wir freuen uns wie immer über Feedback an die_reisenden@gmx.de.

Vortag: 26.09.1999