25.09.1999

Sören

Jürgens und meine Meinungen über das Wesen von Reiseberichten driften zunehmend auseinander: Wir haben heute einen Ausflug in das nahegelegene Städtchen Sesimbra gemacht, um dort Fotos zu machen - belanglose Touristenschnappschüsse, die meine geneigten Leser ebensogut auf den Internetseiten des portugiesischen Fremdenverkehrsamt finden könnten: ein maurisches Kastell vor blauem Himmel, das Glitzern des Sonnenlichts auf den Wassern des Hafens von Sesimbra und eine jener typischen kleinen Tassen, in denen die bica, der starke portugiesische Kaffee serviert wird - Klischees, meiner Meinung nach. Viel interessanter finde ich es, die Entwicklung des Landes zu beobachten. Ich war mit meiner Cousine (die vor 3 Jahren in das Land zurückgekehrt ist, in dem sie aufwuchs) gestern abend im Einkaufszentrum "Vasco da Gama" auf dem Gelände der Expo 98, wo wir die Amerikanisierung der Portugiesen erleben konnten. Noch Anfang der 80er Jahre war der erste Versuch von McDonalds, in Lissabon Fuß zu fassen, gescheitert - jetzt gibt es Fastfood-Läden ohne Zahl (und das in einem Land mit einer hervorragenden einheimischen Küche). Einkaufszentren schießen aus dem Boden, es gibt in Lissabon mehrere, die es mit der Neuen Mitte in Oberhausen durchaus aufnehmen können. Baumärkte, Hypermercados (die Steigerung von Supermärkten), Shopping-Malls - ganz Portugal scheint vom Konsumrausch erfaßt. Und das zu einem großen Teil auf Pump - meine Cousine berichtete, daß die Regierung immer wieder die Banken des Landes ermahnt, nicht ganz so leichtfertig Kredite zu vergeben. Man kann sogar Kleidung in Raten bezahlen, so wie bei uns PKW. Apropos: Jeden Monat werden im Großraum Lissabon bei Fiat 40 (!) Autos zurückgegeben, weil die Käufer die Raten nicht mehr aufbringen können. All das erinnert mich immer an den deutschen Osten - und mit meiner Cousine, die Portugal selbstverständlich viel besser beurteilen kann, stehe ich den Entwicklungen seit Portugals Eintritt in die EG 1986 kritisch gegenüber (wiewohl ich den zunehmenden Wohlstand des Landes mehr als gutheiße - Ruth kann sich noch ans Schlangestehen für Milch im Lissabon der späten 70er erinnern).

Jürgen

Da muß ich Sören doch jetzt widersprechen. (Ich habe mich zu diesem Widerspruch auch entschieden, damit er nicht allzu enttäuscht ist.) Es sind nicht unsere Auffassungen über das Wesen des Reiseberichts, die auseinanderklaffen; wir sind einfach nur unterschiedliche Reisende mit unterschiedlichen Erfahrungen. Während er Portugal ja schon gut kennt und aus diesem Grund lieber Hintergrundinformationen geben will, anstatt die Landschaft und unsere Beobachtungen darzustellen, will ich dem geneigten Leser einfach das zeigen und beschreiben, was ich sehe.
Und heute haben wir den Ausflug gemacht, der gestern ins Wasser gefallen ist. Wir waren in Sesimbra,

sind am Castell vorbeigefahren - das wir allerdings nicht besichtigt haben, weil es dort ziemlich voll war (wie man an der Autoschlange auf dem Foto recht gut erkennen kann) -

und haben dann eben eine Bica

getrunken.

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