24.09.1999

Jürgen

Eigentlich wollten wir heute wieder einen Ausflug machen. Unser Ziel hieß Sesimbra, ein kleines Städtchen ganz in der Nähe, das von der Ruine eines alten maurischen Kastells überragt wird. Diese Ruine wollten wir besichtigen, uns von ihr zu tiefgreifenden Gedanken über den Verfall und die Geschichte inspirieren lassen und später, nachdem wir durch die Gassen Sesimbras geschlendert waren, uns in einem Café niederlassen. Dort wollte ich dann endlich eine Bica trinken - mein Gott, ich bin seit vier Tagen in Portugal und habe noch keine Bica getrunken -, in den Sonnenuntergang blinzeln und den späten Tag genießen.
Aber wie gesagt, all dieses wollten wir eigentlich tun. Wir taten es aber nicht, denn: es regnete.

Sören

Tiefgreifende Gedanken über den Verfall und die Geschichte - naja, das hätte gerade noch gefehlt! Ich habe in Rom so viele Ruinen gesehen und fühle mich immer noch nicht von der Vergänglichkeit allen Seins ergriffen. Dabei wissen die, die mich kennen, daß für mich aller Anlaß besteht: In der nächsten Woche werde ich schon wieder ein Jahr älter... Aber die bica hätte ich mir natürlich gefallen lassen, um dabei die wirklich wichtigen Themen der Zeit zu diskutieren (nein, nicht der Zeit, ich habe mich ja schon um meinen Kommentar zum Sloterdijk-Vortrag gedrückt): Aus portugiesischen Metzgerkreisen verlautbart, daß die BSE-Panik verflogen ist (ich fürchte die meisten Deutschen wissen nicht einmal, daß die Konsumenten in Portugal diesbezüglich sehr kritisch waren), die Autobahn zwischen Lissabon und Badajoz ist vollständig fertig (diese Info stammt von Jürgen - und ich wünschte, wenigstens ein zuständiger Autobahnplaner oder gar der Verkehrsminister läse dies, um mal die endlosen Bauzeiten in Deutschland zu überdenken), der frühere Untertitler der Simpsons im portugiesischen Fernsehen ist zum Hippie geworden und hat sich in die Algarve zurückgezogen. Das, lieber Jürgen, sind die Dinge, die unsere Leser interessieren - nicht die Vergänglichkeit allen Seins. (Einspruch wie auch Zustimmung bitte per Mail an die_reisenden.)

Jürgen

Nein, auf diese von Sören gerade erwähnten Nebensächlichkeiten werde ich jetzt nicht eingehen. Ich bleibe bei meiner Form des Berichtes. Zunächst saßen wir also nur im Haus herum, lasen oder schrieben etwas - allerdings noch nicht unseren Reisebericht - und warteten darauf, daß der Regen aufhörte, die Sonne wieder schien und wir unseren Ausflug beginnen konnten.
Es ist allerdings schon etwas ungewöhnlich, daß hier in Portugal Ende September kein besonders gutes Wetter herrscht. Zumindest in den vier Tagen, seit wir hier sind, ist das Wetter eher durchwachsen. Wenn ich es recht bedenke: Seit ich am Sonntag aus Deutschland losgefahren bin, oder richtiger, kurz nachdem ich Deutschland verlassen habe und über Belgien nach Frankreich gefahren bin, hat sich das Wetter rapide verschlechtert und ist seitdem auch nicht besser geworden. Wenn man aber nun im Spätsommer in ein südliches Land fährt, um dort Urlaub zu machen, kann man doch wohl mit ein bißchen Sonnenschein rechnen, oder nicht?
Aber ... inzwischen ist es sechs Uhr abends und es regnet noch immer.

Jürgen

Allerdings bringt mich dieser verregnete Tag dann doch dazu, über das Problem des Reiseberichts allgemein einmal (kurz) nachzudenken (ich als Theoretiker). Ich habe - schon seit wir mit diesem Bericht begonnen haben - das Gefühl, als müßte ich ständig eine besondere Beobachtung oder ein besonderes Ereignis schildern, selbst wenn es nichts Schildernswertes gibt. Das mag wohl auch der Grund sein, weswegen gerade in Reiseberichten entweder übertrieben wird, oder der Reisende denkt sich gleich etwas aus, er phantasiert, um so den Bericht interessanter zu gestalten. Da ist es doch eigentlich nur konsequent, wenn Bruce Chatwin seinen Reisebericht "Traumpfade" als Roman tituliert.
Ich zumindest nutze diesen ereignisarmen Tag, um die Ereignisarmut dieses Tages zu schildern, und um ein wenig über die Gattung des Reiseberichts zu theoretisieren.

Sören

Und das, da gebe ich Jürgen mal Recht, ist nicht das schlechteste, was man an einem Regentag machen kann: ein bißchen vor hin sich hin reflektieren. Ich weiß nicht, wie das Wetter in Deutschland ist, aber wenn's regnet: Wie wär's mit ein paar Gedanken zum Sinn und Unsinn von Reiseberichten?