22.09.1999

Der erste Tag in unserem Feriendomizil dient der Entspannung. Wir richten uns häuslich ein, waschen den Schmutz unserer langen Anreise(n) aus den Haaren und versorgen unsere Leser mit längeren Berichten...

Sören

Endlich habe ich Zeit und Muße für einen längeren Bericht und werde daher einiges zu Rom nachreichen.
Gleich vorneweg: Rom war lange Zeit mein Traumreiseziel, doch als ich mich vor einigen Wochen entschloß, die Stadt zu besuchen, hatte ich das vergessen. Das war gut so, denn ich flog mit wenig Erwartungen dorthin, war bereit, mich einfach überraschen zu lassen. Am ersten Tag hatte ich nicht einmal einen Plan im Kopf, welche Sehenswürdigkeiten ich sehen wollte - meine Reisebegleiterin, Katrin, und ich gingen einfach los und ließen uns überraschen. Bei einer Stadt wie Rom ist das die beste Methode, Entdeckungen zu machen (in den meisten US-amerikanischen Großstädten wäre es hingegen Schwachsinn), und ich habe Jürgen schon geraten, sich Lissabon auf diese Weise anzueignen. Katrin und ich waren noch keinen Kilometer gelaufen, als wir auf das Forum des Augustus stießen - und fortan reihte sich sight an sight. Alles aufzuzählen, was wir schon an unserem ersten Vormittag gesehen haben, würde bedeuten, einen halben Reiseführer abzuschreiben - die Stadt atmet Geschichte, ist Geschichte. Römische Antike, Kirchen ohne Zahl (und mit äußerst klangvollen Namen), Denkmäler des 19. Jahrhunderts, Brunnen, Treppen... 
Katrin und ich pausierten schließlich in einem Café, um einen Espresso zu trinken. Am Nachbartisch saßen ein Mann und eine Frau - sie las Goethes Faust in englischer Übersetzung, er das neue Buch von Bill Gates, über das wir ins Gespräch kamen ("When the Pope writes a book you wouldn't ignore it, right? Even if you don't believe in God. Well, Gates is a kind of Pope."). Gegenüber Katrin, die gerade in Weimar war, bemerkte ich danach, daß es eigentlich lustig sei, daß ich Microsoft und nicht den Faust als Gesprächsthema gewählt habe, Software und Marktmacht statt klassischer Literatur - persönlicher oder globaler Paradigmenwechsel?
Apropos Katrin: Sie war eine tolle Reisebegleitung, aber ich bemerkte - etwa, wenn lange Haare trocknen mußten -, daß ich doch schon sehr lange nicht mehr allein mit einer Frau verreist bin (selbst der Amsterdam-Kurztrip mit meiner Ex liegt nun schon drei Jahre zurück). Ein an Einsamkeit leidender Single sollte übrigens niemals nach Rom reisen: Abends am Kollosseum feierte die Amore Triumphe. Ein Brautpaar nach dem anderen ließ sich vor der großartigen Kulisse fotografieren (Schon tagsüber war mir der Hochzeitsblumenschmuck in mancher Kirche aufgefallen.). Auch an der Fontana di Trevi, dem großartigsten Brunnen von Rom, war ein Hochzeitspaar zum Fototermin erschienen, die Menge applaudierte. Noch mehr Applaus hätten allenfalls die Models auf der Piazza di Popolo erhalten können, wo eine Modenschau stattfinden sollte. Als Katrin und ich auf dem Platz eintrafen, liefen gerade die letzten Vorbereitungen: Giorgio Armani persönlich überwachte die Wirkung des Lichts auf seine Herbst- und Winterkollektion. Ein heftiger Platzregen verhinderte jedoch für diesen Abend das Spektakel - und bescherte Katrin und mir den Spaß, Hunderten von Schutz suchenden Römern und Touristen zu zeigen, wie hart die Ostwestfalen sind... (Die Modenschau fand übrigens dann am nächsten Abend statt und wurde an meinem letzten Abend in Rom auf RAI Uno gezeigt.)
Am nächsten Tag besuchten wir den Petersdom - wenn es auch zwei Anläufe brauchte: Wie vor einer Szenedisco stehen aufmerksame Türsteher vor der größten Kirche der Welt und achten auf angemessene Kleidung, Katrins schulterfreies Kleid genügte nicht den Anforderungen, mit dem knappen Kommentar "Shoulders!" wurde sie abgewiesen. Ich besorgte aus einem nahegelegenen Souvenirladen ein Tuch, das ihre Schultern züchtig bedeckte - und wir durften eintreten (am Rande sei erwähnt, daß ich für den absoluten Ernstfall, daß auch das Tuch nicht genügen könnte, ein wunderschönes Azzuro-Trikot mit der Aufschrift "Baggio" besorgt hatte, das Katrin wahrscheinlich doch nicht angezogen hätte. Und daß es in dem Souvenirladen auch Stoffhosen für abgewiesene Shortsträger gab, die einem jungen Amerikaner ein lautes "This is ridiculous" entfahren ließen).
Und dann: Der Petersdom. Der Papst war zwar gerade unterwegs (wie fünfsprachig auf dem Petersplatz bekanntgegeben wurde), aber ich spürte die Anwesenheit seines Chefs. Hier müssen sogar Atheisten beeindruckt sein... Ich war geradezu froh, meinen Eindruck vom Machtzentrum des Christentums wieder relativieren zu können, als ich von der Kuppel des Domes nicht nur Rom, sondern auch den kleinsten Staat der Welt überblickte: Das Lummerland des Katholizismus mit seinem kleinen Bahnhof wirkte so herrlich banal, daß mein religiöser Schauder wieder verflog.
Petersdom - also auch Sixtinische Kapelle? Nein, an diesem Tag hatte sie geschlossen, und am nächsten, als Katrin und ich mit überfüllten Metro noch einmal zum Vatikan fuhren, reichte uns ein Blick auf die Touristenschlange vor dem Eingang der Vatikanischen Sammlungen (zu denen die Sixtina zählt), um uns abzuschrecken: Mindestens einen Kilometer staute sich die Menge... Wir wählten ein alternatives Ziel: die Via Appia Antica im Südosten der Stadt, wo wir eine der Katakomben besuchten (weitere Informationen, so verrät unser Reiseführer, finden sich unter www.catacombe.roma.it).
Diesen Tag - bereits der letzte in Rom - ließen wir in einem Café vor dem Panteon ausklingen. Ich gab zum ersten Mal in meinem Leben die unwahrscheinliche Summe von 10.000 Lira für ein Eis aus, dann, gerade rechtzeitig vor einem heftigen Gewitter, kehrten wir ins Hotel zurück. Am nächsten Tag, also gestern, ging mein Flug nach Lissabon, wo ich Jürgen traf...
Und damit bin ich am Ende meines Berichtes, den ich bereits an dem unten abgebildeten Ort verfaßt habe: auf dem Feriengrundstück, das mein Vater vor inzwischen zwanzig Jahren in der Nähe von Lissabon kaufte.



Jürgen

Vorweg und kurz gesagt: Allein eine mehrtägige Autofahrt von Deutschland nach Portugal zu unternehmen, ist kein Abenteuer; es ist noch nicht einmal übermäßig anstrengend. Mir war natürlich auch vor der Fahrt klar, daß – falls nichts unvorhergesehenes geschieht – ein großes Abenteuer nicht zu erwarten war. Eine kleine Enttäuschung ist es aber doch.
Sonntag, der 19.09.1999. Der erste Tag meiner Reise führte mich von Paderborn über Köln, Aachen, durch Belgien, Frankreich, über Paris bis kurz hinter Orleans. Und so wie diese Aufzählung war auch die Fahrt: eigentlich sehr deprimierend. Kurz hinter Belgien fing es an zu regnen und hörte über den gesamten Tag auch nicht wieder auf. Paris erreichte ich gegen halb sechs genau zum Wochenendrückreiseverkehr. Es regnete mittlerweile in Strömen und natürlich verpaßte ich auf der Peripherique die richtige Ausfahrt. Also umkreiste ich einmal Paris und verlor dort sehr viel Zeit und Nerven.
Gegen elf Uhr abends hatte ich nur wenig mehr als 900 Kilometer geschafft – vorgenommen hatte ich mir 1.200 – aber ich war mit den Kräften und vor allem mit den Nerven am Ende. (Dabei spielt das Wetter eine große Rolle. Es ist einfach anstrengend, bei Regen eine lange Strecke zu fahren.)
Am nächsten Morgen war ich entsprechend schlecht gelaunt. Noch dazu ist eine Übernachtung im Auto nicht unbedingt bequem. Das schlechte Wetter sollte mich in Frankreich nicht mehr verlassen. Vor allem in Bordeaux schüttete es wie aus Eimern. Dann erreichte ich kurz vor 16 Uhr Spanien. Das Wetter wurde besser, die Landschaft interessanter, die Reise also angenehmer. Spanien bietet landschaftlich sehr viel mehr Abwechslung als Frankreich. Bergig, manchmal felsig zerklüftet bot sich mir einige Male ein großartiges Panorama. Es war bewölkt, manchmal kam die Sonne durch, der Tag verging wie im Flug, ich erreichte Madrid, stand auch dort einige Zeit im Stau – was mich aber eigentlich nicht störte –, fuhr noch einige Kilometer weiter Richtung Portugal, und stellte schließlich gegen zehn Uhr abends fest, daß ich an dem Tag mehr als 1.200 Kilometer gefahren war, daß es bis Lissabon nur noch ca. 600 Kilometer waren und ich nun eine Pause einlegen mußte, damit ich nicht zu früh mein Reiseziel erreichen würde. Ich wußte, daß Sören am nächsten Tag zwischen zwei und drei Uhr in Lissabon landen würde und wollte ungefähr gleichzeitig mit ihm dort ankommen.
Die folgende Nacht war recht unangenehm. Es war bitterkalt – trotz Schlafsack –, was ich in Spanien nicht erwartet hatte, und außerdem war es auf dem Autobahnrastplatz recht laut. Irgend jemand mußte sein Auto unbedingt um ein Uhr nachts reparieren.
Die letzten 600 Kilometer am nächsten Tag, dem 21.09., waren dann ein leichtes. Ich erreichte Lissabon, fand recht schnell die angegebene Adresse, wo Sörens Kusine Ruth wohnt und wir verabredet waren, war also um kurz vor vier nachmittags da. Sören war allerdings noch nicht da, er kam gegen halb fünf; sein Flug hatte Verspätung.
Abends beim Bier haben wir dann so ein bißchen über das Reisen philosophiert. Nachdem die Autofahrt also weder besonders anstrengend oder abenteuerlich war, suchte ich nach einem richtigen Begriff. Sören fand ihn dann. Eine Autofahrt über 2.745 Kilometer alleine von Deutschland nach Portugal ist einfach "unwitzig". Es fehlt einfach die Reisebegleitung, die an den richtigen Stellen die Karte liest, damit man sich nicht verfährt, oder mit der man sich einfach auch unterhalten kann. (Ich habe in diesen zweieinhalb Tage fast kein Wort geredet.)
Nun sind wir also beide in Portugal. Unserer beider Reisen sind zu Ende, wir haben unser Ziel erreicht und unser Urlaub kann beginnen – und eigentlich auch unser Bericht.

Vortag: 21.9.1999